Persönliches Selbstfindung

Über unsere Verantwortung als Eltern.

15. November 2016

 

Lass mich dir eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die von einem Mädchen handelt. Von ihren Träumen, ihren Überzeugungen und Vorstellungen. Davon, wie sie einmal leben will und wie ihre kleine Welt aussehen soll. Ihr kleines Paradies, das sie sich selber schaffen will.

 

Und plötzlich mischt sich folgender Ausspruch dazwischen:

“Was sollen denn die Leute denken?“

– ausgerechnet von den Menschen, die eigentlich ihre Vorbilder sein sollten, ihr zeigen sollten, wie es richtig geht. Eingestaubte Traditionen, vergangene Werte und Zeiten und über alledem noch das Damoklesschwert, was denn andere Personen wohl davon halten mögen.

 

“Du darfst niemanden mit nach  Hause bringen, du bist schließlich katholisch. Stell dir vor, was die anderen nur sagen würden.“ 

“Work and Travel in Kanada? Ich kenne keinen, der sowas macht. Also brauchst du das auch nicht zu tun.“ 

“Der Arzt sagt, eine Depression? Blödsinn. Du bist gerade einfach nur ein bisschen traurig.“ 

 

 

Was das mit jemandem macht, muss man an dieser Stelle wohl nicht erwähnen. Ein Selbstbewusstsein aufzubauen – unmöglich. Viel mehr als das: der Schatten der “Leute“, die etwas negatives über dich sagen oder von dir halten könnten, den hast du stets im Rucksack bei dir.

Und es gibt dir das Gefühl, dass der einzige Weg ist, sich anzupassen. Bloß nicht negativ aufzufallen oder gar eine Meinung zu haben. Auf keinen Fall besonders sein.

 

 

Was sich dann einschleicht, ist besonders böse: das Gefühl, dass dich die Welt eigentlich gar nicht braucht. 

Du hast nie gelernt, wirklich zu hinterfragen, mal kurz nachzuhaken, warum denn etwas so ist, wie es ist. Und dir darüber eine Meinung zu bilden. Schlichtweg nicht möglich. Sowas macht man ja nicht – man akzeptiert nur die Normen der Gruppe.

 

Worin das Ganze resultiert? In Flucht. Sachen packen, so schnell wie möglich und auf und davon. Erst mal Pause von allem.

 

 

Und trotzdem kannst du nicht loslassen. Schlimmer noch, du kommst nicht zurecht in dieser Welt – denn du weißt ja gar nicht, wie du eigentlich leben willst, das stand schließlich nie zur Debatte. Diese Welt stellt sich gegen dich, verlangt Entscheidungen, wie einen Studiengang zu wählen oder eine Wohnung zu suchen.

 

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Dann – ganz, ganz langsam -geschieht etwas. Du erkennst, dass du eine Meinung haben darfst – dass es eine Rolle spielt, was du denkst und vor allem, dass es okay ist, wenn du anderen nicht gefällst.

Das hat fast ein Vierteljahrhundert gedauert und ist noch lange nicht zu Ende. Es fühlt sich ein bisschen an, als ob du plötzlich sehen kannst: du beginnst, nachzudenken, Dinge in Frage zu stellen und dich zu wundern.

 

 

Einige haben an dieser  Stelle schon einen gewaltigen Vorsprung, denn sie haben möglicherweise gelernt, dass es in Ordnung ist, selbstbestimmt zu leben. Sie sind so aufgewachsen, mit der natürlichen Neugier und dem Prinzip “Mach nicht einfach etwas, nur weil alle anderen es genauso machen.“

Diese Leute beneide ich, das gebe ich offen zu. Meine Reise beginnt erst sehr viel  später und ich muss noch viel lernen – insbesondere, für mich einzustehen. Auch auf die Gefahr hin, anzuecken.

 

 

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Aber was soll’s. The past is in the past. Die letzten paar Monate – insbesondere durch den Blog – haben sich verrückte Dinge bei mir getan: ich beginne, Dinge nicht einfach hinzunehmen, sondern zu überlegen, ob sie mir gut tun und ob sie für mich eigentlich Sinn machen.

 

 

Und diese Selbstbestimmung tut unglaublich gut. 

 

 

Als Mama ist es mir gerade wegen dieser Geschichte ganz besonders wichtig, das meiner Tochter mitzugeben, egal, worum es geht: lerne, zu hinterfragen und falls es nicht in dein Leben passt, dann steh für dich und deine Einstellung ein.

Selbstvertrauen statt Selbstzweifel. Ein gesunder Egoismus, anstatt sich unterzuordnen. Eine Stimme zu haben, anstatt zu schweigen.

 

Ich meine deshalb: Als Eltern haben wir Verantwortung für unsere Kinder, und zwar eine enorm große. Ob sie Dinge anzweifeln, einfach nur fragen „Warum ist das so?“ oder lernen, dass es in Ordnung ist, wenn sie eine andere Meinung haben.

 

Ihnen dieses Vertrauen mitzugeben, das liegt an uns – und wir sollten diese Aufgabe sehr ernst nehmen.

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3 Comments

  • Reply Nina 15. November 2016 at 12:43

    Liebe Anni,

    dieser Beitrag ist einfach toll. Deine Art zu schreiben und der Inhalt deiner Texte berühren mich sehr.
    Auch, wenn Dein Post anfangs sehr traurig wirkt und ich mich beinm lesen fragte, was wohl aus Deinen persönlichen Erfahrungen heraus dahinter steckt, merkt man schnell, dass es einfach ein Prozess des Nachdenkens und des Hinterfragens ist, was Dir aus meiner Sicht, sehr gut gelingt.
    Du schaffst es mit jedem Beitrag aufs Neue, mich ebenfalls zum Nachdenken über das beschriebene Thema anzuregen. Und das ist einfach eine Kunst, den Leser so zu packen und mitzunehmen. Daumen hoch und weiter so :).
    Ganz liebe Grüße,
    Deine Nina!

  • Reply Cristina Junker 15. November 2016 at 12:53

    Diese Welt braucht dich!
    WIR, deine Freundinnen, brauchen dich und wollen dich um keinen Preis missen!

    Du bist ein wunderbarer Mensch und ich beneide DICH um deine Entscheidungen und dein Durchhaltevermögen, gerade bei Themen, die nicht der Norm entsprechen.
    Mach weiter so, denn du machst das ganz großartig!

    Du bist wunderbar so wie du bist!
    Ich hab dich sehr, sehr lieb mein Herz! <3
    Deine Cristina

    • Reply Annie 15. November 2016 at 21:15

      Danke mein Herz! Ich finde das so schön, dass du so oft kommentierst und weiß das sehr sehr sehr zu schätzen!!1 :*

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